Firmengründung: Deutschland vs. Estland

Im Pandemie-Sommer 2020 wanderte ich, quasi zwischen zwei Lockdowns, von Berlin nach Tallinn in Estland aus – um mein 3. Unternehmen, den Cybersecurity Anbieter Cyttraction zu gründen. Die ganze Geschichte rund um meine e-Bike Tour von Berlin nach Tallinn gibt es hier. Geplant war mein Umzug eigentlich schon für März 2020 und mit dem Flugzeug. Corona sorgte für die Planänderung.

Die Auswanderung war meine persönliche Antwort auf die Frage, wo sich wohl am besten eine global verfügbare und hoch skalierbare Cybersecurity Trainingsplattform aufbauen lässt. In Deutschland kann meine bestehende cdt digital GmbH nicht einmal offiziell einer Branche zugeordnet werden und es ist z.B. auch nicht vogesehen, digitale Güter zu bilanzieren. Außerdem muss ich immer noch wöchentlich Briefe deutscher Behörden bearbeiten. Mir war also klar, dass ich für das neue digitale Geschäftsmodell eine andere Brutstätte brauche.

Ein großes Ziel sind immer noch die USA, da die Hauptumsätze im Bereich Technologie und Cybersecurity nun mal nicht im technologisch rückständigen Europa gemacht werden. Während der Trump-Administration waren die Visa-Vorgaben jedoch selbst für Experten unsicher – und dann kam die Pandemie.

Im Nordosten Europas sind Firmengründungen, Immobilienpreise und Arbeitslöhne vergleichsweise überschaubar. Das Meer liegt vor der Haustür. Da sich zudem die europäische Cybersecurity-Szene vor allem in Finnland und Estland tummelt, habe ich mich für den kleinen und sehr digitalen Staat im Baltikum entschieden.

So viel vorab: der Gründungsprozess war, trotz den Vorschusslorbeeren die Estland in der Öffentlichkeit bekommt, nicht ganz so wie ich persönlich es erwartet hätte. Gründung ist immer – und zum Glück – ein Abenteuer dessen Faktoren man vorher nicht kennt.

Definition: Firmengründung

Die Cyttraction OÜ ist meine dritte Gründung, nach meiner Technologie-Beratung als deutsches Einzelunternehmen 2016 und der Gründung der cdt digital GmbH 2019.

Für mich besteht eine Firmengründung aus:


1. der Eintragung des Unternehmens mit amtlicher Registernummer


2. der Zuteilung einer Steuernummer, sodass Rechnungen geschrieben werden können

3. der Eröffnung eines Geschäftskontos bei einer etablierten Geschäftsbank, damit insbesondere Compliance-relevante Bankaufgaben problemlos erledigt werden können

Fairerweise muss gesagt werden, dass ich in Deutschland als Inländerin gegründet hatte und für Estland kommt natürlich die Auswanderung und damit der Migranten-Status hinzu. Aufgrund der Ähnlichkeit der Gesellschaftsformen vergleiche ich hier jeweils die deutsche GmbH mit der estnischen OÜ.

1 Gründungsprozess

Hier geht der Punkt definitiv an Estland! Der Gründungsprozess einer OÜ ist nahezu voll digitalisiert und mit insgesamt 330 EUR kein Vergleich zu Deutschland. 120 EUR fallen für die Beantragung der e-Residency Karte an, 20 EUR für die Abholung in einer Botschaft. In meinem Fall war das in Warschau. 190 EUR betragen die tatsächlichen Gründungsgebühren, das Stammkapital kann später eingezahlt werden. Der Gesellschaftsvertrag wird automatisch bereit gestellt und die Firma kann mit Hilfe der e-Residency Karte komplett digital verwaltet werden.

In Deutschland fallen alleine für die Erarbeitung des Gesellschaftsvertrags und den Notartermin über 800 EUR an. Das Stammkapital von 25.000 EUR muss zumindest zur Hälfte eingezahlt werden. Eine digitale Verwaltung der Firma ist nicht vorgesehen. Jede Änderung und jeder Umzug des Firmensitzes kostet zusätzlich.

2 Steuerthemen

Noch ein Punkt für Estland: die Steuernummer kann direkt während des digitalen Gründungsprozesses mit beantragt werden und wird nahezu sofort oder ab Wunschdatum bereit gestellt. Das Unternehmen wird außerdem automatischen der estnischen digitalen Steuerverwaltung hinzugefügt. Nach Login mit der e-Residency Karte (bzw. dem estnischen Ausweis) können Steuer-Meldungen und -Erklärungen abgegeben werden. Das System basiert von der Logik her auf einer Art Buchhaltung-Tool, in dem alle Rechnungsdaten sowie Informationen zum Geschäftspartner eingegeben werden. Das führt dazu, dass Datensätze einfach validiert werden und schon eine monatliche Umsatzsteuererklärung zutiefst logisch und für alle Seiten nachvollziehbar ist. Euro-Beträge werden bis auf die dritte Stelle nach dem Komma verarbeitet.

Zum deutschen Steuersystem habe ich 2019 schon einmal einen Blogbeitrag geschrieben.

3 Bankthemen

Als es darum ging, ein Bankkonto bei einer etablierten lokalen Geschäftsbank zu eröffnen, habe ich das erste Mal die Nachteile der Auswanderung gespürt. Selbst mit der e-Residency und einem EU-Pass beißt man bei den estnischen Banken auf Granit. Wir nutzen bisher ein Konto bei einer Online-Bank und eben das bestehende Konto des deutschen Unternehmens.

In Deutschland werden digitale Geschäftsmodelle zwar auch kritisch beäugt, aber immerhin ist es möglich ein Basis-Geschäftskonto zu bekommen.

4 Startup-Förderung

Neben Kampagnen rund um die e-Residency, wurden wir vor der Gründung auch auf eine Startup-Förderung aufmerksam gemacht. Vor Ort hat sich das Ganze dann eher als Zuschuss für Mittelständler herausgestellt, die Maschinen anschaffen wollen.

In Deutschland haben mich Gründungszuschuss und Gründerkredit viel Zeit und Nerven gekostet. Auch mit Blick auf das ganze Corona-Hilfen-Thema würde ich mittlerweile jeder/m Gründer/in raten: Verlass dich auf dich selbst und schau dich auch immer nach alternativen Einnahme-Quellen um.

Bereits seit meiner Ankunft hier in Tallinn bekommen wir Unterstützung von Startup Estonia und Invest in Estonia, z.B. wenn es um Fragen zu bürokratischen Prozessen geht. Estland pflegt außerdem eine Startup-Datenbank, die Investoren den Zugang zum Markt erleichtern soll.

Die estnische Gründerszene ist der Berliner Startup-Bubble sehr ähnlich. Es wird viel für’s eigene Ego getan und man bleibt gerne unter sich. Schon seit meiner ersten Gründung 2016 bekommen wir die meiste Unterstützung von Technik- und Cybersecurity-Expert/innen aus verschiedenen Branchen sowie international aus Großbritannien und den USA. Auch hier daher der Rat: Selbst drum kümmern und ein (digitales) Netzwerk aufbauen!

Fazit

Während Politiker mittlerweile alle paar Tage nach neuen Gründer/innen verlangen, fehlt es offensichtlich immer noch an einem Grundverständnis für notwendige Unterstützung und Prozessoptimierung. Trotz europäischer Freizügigkeit hinkt z.B. der dafür notwendige Datenaustausch hinterher. Von weiteren bürokratischen und sozialen Themen mal ganz zu schweigen. Gründer/innen haben in der EU noch immer eine viel zu schwache Lobby.

Über meine Erfahrungen mit Investoren schreibe ich bei Gelegenheit einen separaten Beitrag. Das würde hier den Rahmen sprengen.