Was ich gerne vorher gewusst hätte: Gründungszuschuss & KfW Kredit

Für diesen Beitrag bin ich noch mal in mein digitales Archiv gestiegen und habe Zahlen, Daten und Fakten heraus gekramt. Nicht, weil die heute noch Gültigkeit hätten, sondern weil der Vergleich so interessant ist. Ganz wichtig: hier geht es um meine ganz subjektive Gründungsgeschichte. Ich habe durch Gespräche mit meinem Netzwerk die Vermutung, dass es in Deutschland auch für andere Gründer/innen nicht ganz einfach ist. Es handelt sich aber nicht um eine wissenschaftliche Studie! In diesem Beitrag gibt es leider nicht viel Positives zu berichten. Also anschnallen… und nächstes Mal wird’s dann wieder fröhlicher – versprochen.

Um eine Existenz zu gründen, muss man eine aufgeben – vor allem, was das Finanzielle angeht. Hatte man vorher noch einen sicheren Arbeitsvertrag und aufgrund einiger anderer Parameter und der vorzeigbaren Postleitzahl eine ordentliche Bonität, ändert sich das mit dem Starttag einer wie auch immer gearteten Selbständigkeit schlagartig. [Nur am Rande: Da ich zu meiner Gründungszeit von einer Auskunftei fälschlicherweise unter „Herr Töpfer“ geführt wurde, weiß ich heute auch, dass die Korrektur der Anrede mich noch mal Bonitäts-Punkte gekostet hat.] Man tauscht quasi sein bisheriges Leben gegen seine Geschäftsidee. Äußerst unattraktiv für Kreditgeber und Vermieter.

Am Anfang stand mein Businessplan. Ich brauchte ihn unter anderem für die Anträge auf Gründungszuschuss und für den KfW Gründerkredit. Blöderweise war ich ja noch unsicher, wann und wie ich gründen wollte und hatte so mit 27 nicht viel auf der hohen Kante, was ich in den Unternehmensaufbau hätte stecken können. Ich war also auf die Kombination aus 16-Stunden Tagen und Fremdkapital angewiesen.

Also habe ich mich informiert, mir Vorlagen gesucht, Marktrecherchen gestartet und einen Businessplan zusammen geschrieben. Nach zahlreichen Feedback-Runden und der zustimmenden Bewertung von IHK und Steuerberater, musste ich ihn dann zuerst einmal zur Akademiker-Arbeitsagentur in Berlin tragen (in der Hauptstadt ist man total Multikulti, aber Arbeitslose werden nach Ausbildungsabschluss voneinander getrennt… sagt viel über Chancengleichheit in unserem Land aus, finde ich). Dort wurde mein Businessplan dann 3 Monate lang über verschiedene Schreibtische gereicht, bis ich ab Juni 2016 für 6 Monate einen Prozentsatz meines vorherigen Gehalts als Gründungszuschuss bekommen habe. Das waren immerhin EUR 1.603,50 + EUR 300,00 für Sozialabgaben. Für die zwei Wartemonate habe ich nachträglich Arbeitlosengeld (ALG1) bekommen, was eine sehr strange Situation war: ich war als Gründerin auf Events unterwegs, habe mit ersten Kunden gearbeitet und bin dann wegen Behördentrödelei quasi zwangsweise in die Arbeitslosenstatistik gerutscht. Außerdem hatte ich fast 3 Monate kaum Geld, um meine Lebenshaltungskosten und Business-Ausgaben zu bezahlen. Eben nur das, was das kleine frische Business generiert hat.

Nach etwa zwei Monaten hin und her mit der Behörde, war ich übrigens an dem Punkt angelangt, dass ich das Thema Gründungszuschuss eigentlich gar nicht weiter verfolgen wollte. Ich hatte ja schon seit Tag 1 alle Unterlagen zusammen und für mich war klar, dass ich auf jeden Fall dieses Unternehmen starten möchte. Meine Freunde haben mir in der Zeit gut zugesprochen und mich motiviert, den ganzen Bürokratie-Prozess jetzt auch bis zum Ende durchzuziehen.

Etwa zeitgleich zum Gründungszuschuss habe ich auch meinen KfW Gründerkredit beantragt. Bis dahin hatte ich noch einigermaßen Vertrauen in Banken. Oder anders gesagt: ich dachte, dass Sie den Sinn hinter einer Unternehmensgründung verstehen würden und vielleicht sogar so weit denken würden, dass sie den eigenen Vorteil daran verstehen. Von dieser Idee bin ich mittlerweile mehrfach geheilt.

In meinem Businessplan aus 2016 steht, dass ich eine Technologie-Beratung gründen werde (habe ich gemacht), die sich die Unterstützung vor allem mittelständischer Unternehmen bei der Digitalen Transformation zur Aufgabe macht (ist auch immer noch so) sowie Berater ausbildet, die über Cross-Kompetenzen aus beiden Bereichen – Technologie und Soziales verfügen. Letzteres ist immer noch ein langfristiges Ziel. Wann ich aus dem laufenden Geschäft und unseren Projekten so viele Rücklagen aufbauen konnte, dass ich tatsächlich Zeit und Geld habe, um Mitarbeiter einzustellen, die ich erst selber ausbilde, ist eine andere Frage.

Denn: Laut meinem Businessplan, hätte ich rund EUR 120.000 KfW Gründerkredit benötigt, EUR 22.000 habe ich am Ende bekommen. Das Hauptproblem lag am Hausbanken-Prinzip der KfW. Die Förderbank bietet zwar eine Hotline und Beratung für Gründer an und versucht durch ihre spezifischen Kreditangebote Gründungen, Digitalisierung und Innovation in Deutschland zu fördern. Die eigentliche Kreditvergabe erfolgt aber über die Hausbank. Mein Businessplan ging also nicht an die KfW, sondern in die Kreditrisiko-Prüfung der Hausbank. Und das mit meiner speziellen Geschäftsidee, meiner frisch geschrumpften Bonität (siehe oben) und dem Fakt, dass ich als Frau geboren wurde. Erst ab EUR 5 Mio. Eigenkapital bzw. Investitionssumme wäre ich bei meiner damaligen Bank tatsächlich von einem Berater betreut worden, der meinen Fachbereich versteht.

Mit der Hausbank habe ich heute noch Spaß. Zeitweise hatte ich versucht, diese mit Hilfe einer Bürgschaft der Bürgschaftsbank zu wechseln. Dort habe ich im Telefongespräch mit den Berater den sehr vielsagenden Spurch reingedrückt bekommen: „Vielleicht finden Sie ja einen Bankberater, dem die blauen Augen der Gründerin gefallen und sie können ihren Kredit umschulden.“ Ich spare mir kurz den vertexteten Wutausbruch. Mehr dazu siehe unten.

Irgendwie hatte ich während der Gründungsphase und auch anschließend oft das Gefühl, niemand traut mir zu, dass ich tatsächlich ein Unternehmen aufbaue. So nach dem Motto „Wenn der ganze Bürokratie-Kram noch länger dauert und wir ihr noch weniger entgegenkommen, dann gibt sie schon irgendwann auf.“ Hat sie nicht. Sie hat sich nur andere Wege gesucht und neue Ideen entwickelt, um aus einer Idee, ganz viel persönlicher Motivation und viel zu wenig Startkapital doch etwas zu machen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass mein Start ins Unternehmerinnen-Leben mehr mit meinen persönlichen Qualifikationen als mit den sozialen Defiziten unserer Gesellschaft und anderer Leute zu tun gehabt hätte.

An meinen ursprünglichen Businessplan habe ich mich übrigens nicht gehalten, sonst wäre das eine relativ kurze Geschichte gewesen.

 

Was ich Gründerinnen heute raten würde:

1. Sucht euch einen Mann (irgendeinen), der im Businessplan steht und evtl. den Kreditantrag mit unterschreibt. Es ist traurig, aber gerade in der Gründungsphase hat man viel mit Menschen zu tun, die in verstockten alten Hierarchien denken und arbeiten. Ich bin grundsätzlich immer ein Freund davon, mit Menschen zu diskutieren und für mehr Offenheit zu plädieren. Aber in einer Gründungsphase noch zahlreiche alte Wände einrennen – da braucht man schon ganz schön viel zusätzliche Energie.

2. Versucht nicht, eure innovativen komplexen Ideen für euer Gegenüber aufzuarbeiten, sondern erzählt der Bank und den Behörden einfach, was sie hören wollen bzw. überhaupt verarbeiten können. Welches (legale) Geschäftsmodell ihr am Ende tatsächlich betreibt, ist denen dann doch relativ egal. Was ihr euren Kunden erzählt, ist auch wieder etwas völlig anderes (siehe nächster Beitrag).

3. Gründung in Teilzeit sehe ich gerade bei Frauen immer wieder. Ich finde aber, diese Idee sollte man sich durchaus gut überlegen und kritisch betrachten. Gerade am Anfang habe ich jede Chance genutzt, um Events zu besuchen, auf denen ich potentielle Kunden vermutet habe. Außerdem hatte ich dank Bürokratie-Kram, Blog, Akquise und der Arbeit an ersten Projekten keine Langeweile – oder Zeit, auch noch für wen anders zu arbeiten.

4. Bringt Geduld mit. Nicht nur die bürokratischen Mühlen, auch die Unternehmen in Deutschland bewegen sich sehr langsam. In meinem Geschäftsfeld merke ich das natürlich doppelt und dreifach. Aber auch aus meinem Netzwerk höre ich immer wieder, dass gerade junge Unternehmen z.B. an ewig langen Akquise- und Zahlungsprozessen verzweifeln – oder sogar (drohen zu) scheitern.

5. Vernetzt euch! Sprecht über alle eure Erfahrungen – positive wie negative. Ich habe lange gedacht, ich stehe ganz alleine da und werde als einzige unfair behandelt. Dem ist (leider) nicht so. Alleine diese Erkenntnis kann aber dabei helfen, das Ganze weniger persönlich zu nehmen.

6. Macht’s trotzdem! Nur Menschen, die aufstehen und etwas bewegen wollen, können auch etwas verändern. Ich habe lange dafür gebraucht, das zu verstehen und zu akzeptieren. Dass Behörden, Banken und Politik sich mit Unternehmens-Perspektiven und Innovationen so schwer tun, hat auch damit zu tun, dass diese Menschen nie gegründet haben und vllt. nich einmal Leute in ihrem Umfeld haben, von denen sie etwas dazu erfahren könnten. Nur wenn der Anteil der Gründer – und vor allem der Gründerinnen – in der Gesellschaft steigt, können wir auch die Voraussetzungen nachhaltig positiv verändern.

 

Im nächsten Beitrag geht es dann um die kunterbunte Marketing-Welt und wie man sich eine langfristige Strategie mit wenig Kapital aufbaut. Wieder vorbeischauen lohnt sich also und Fragen werden immer noch gerne angenommen. 😉

Aktueller Stand meiner unverschämt unverständlichen Gründungsidee: cdt digital GmbH. Dort findet ihr auch eine spannende Kooperation zum Thema Online/ Offline Marketing mit unseren Partnern von Blueprint Events & Services. Von denen habe ich mir auch das Beitragsbild geklaut, aufgenommen im Supercandy Museum in Köln by Julian Huke.