Warum die Digitalisierung in Deutschland immer noch nicht so richtig in Fahrt kommt

Es ist Freitagabend, später Abend. Ich sitze vor meinem Rechner und blicke auf einen Brief vom Finanzamt. In diesem Brief werde ich gebeten, eine Web-Adresse aufzurufen und einem drei Zeilen langem Pfad zu folgen, um den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung für meine – immer noch nicht eingetragene – GmbH auszufüllen.

Mal abgesehen davon, dass der im Brief genannte Link offensichtlich mittlerweile überholt ist, stoße ich nach einer Suche mit Hilfe einer bekannten Suchmaschine auch nur auf ein Online-Formular, welches ich anschließend ausdrucken muss. Ausfüllen kann ich es sowieso noch nicht, weil das Formular von mir wissen will, wann genau die GmbH ins Handelsregister eingetragen wurde. Das ist noch nicht passiert, da das Amtsgericht die Landesgerichtskasse mit der Erstellung und dem postalischen (!) Versand der entsprechenden Rechnung beauftragt hat. Bevor die Gebührenrechnung nicht bezahlt ist, keine Eintragung. Ich warte also auf einen weiteren Brief. Per E-Mail geht das alles leider nicht.

Ich fühle mich mal wieder wie ein Außerirdischer, der sich verflogen hat. Dabei bin ich mit meinen 30 Jahren noch nicht einmal Teil der Generation, die nur noch die digitale Welt kennt. Ich hatte als Kind noch einen Kassetten-Rekorder!

Aber nicht nur der Staat bekommt die Sache mit der Digitalisierung immer noch nicht so richtig hin. Auch die Mehrzahl der Unternehmen hinkt hinterher. Doch woran liegt es, dass an digitale Effizienz in unserem Top-Weltwirtschaftsland noch lange nicht zu denken ist?

Hier meine persönlichen Eindrücke auf der Grundlage von 30 Jahren Lebenserfahrung (ich weiß – weit unter dem Durchschnittsalter) und 3 Jahren Digital-Beratung:

1. Läuft (doch noch).

Neben „Ich habe selber ja nicht mehr so lange bis zur Rente, danach können die hier im Unternehmen dann alles digital machen.“ (Wer hat von alles digital gesprochen?)ist „Bei uns läuft es eigentlich gerade ganz gut.“ das beliebteste Argument, um sich gegen die Zukunft zu wehren.
Man könnte auch sagen, Menschen und Unternehmen leiden häufig an einem blinden Fleck in Sachen digitaler Zukunft.

In einer Welt, in der sich der gesamtwirtschaftliche Wind aktuell wieder in eine andere Richtung dreht, Unternehmen einen immer kürzeren Lebenszyklus haben und Fachkräfte sich den Arbeitsplatz sowieso international aussuchen können, ist diese Einstellung gefährlich.

2. Komische Mischung aus Hybris und Angst in den Führungsetagen

Ich weiß, das sind jetzt mindestens 5 Euro für’s Phrasenschwein. Aber die Einstellung so mancher Führungskraft zur Digitalen Transformation lässt sich mit „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ leider am besten beschreiben. Mittlerweile schmunzel ich nur noch, wenn mir wieder jemand sein iPhone vor die Nase hält – als Beweis, dass er absolut up to date ist in Sachen Digitalisierung.

Veraltete IT Infrastruktur, Mitarbeiter können nicht von Zuhause geschweige denn auf Reisen sicher arbeiten, einfachste Prozesse dauern Ewigkeiten – egal! Hauptsache der Chef hat ein schickes Smartphone.

Spricht man mit diesen Exemplaren dann über die tatsächlichen Herausforderungen in Sachen Zukunft sowie ihre offensichtlich fehlende Strategie, bekommen sie es gerne mit der Angst zu tun. Was aber nicht bedeutet, dass dann etwas passiert. Denn auch im Chefsessel sitzend kann sich jeder ausrechnen, wie lange er noch bis zur Rente oder bis zum nächsten Jobwechsel ‚durchhalten‘ muss.

3. Verkehrte Welt und vorgeschobene Argumente

Top 3 Sätze, die ITler im Schlaf runterbeten können:
> „Sie können doch programmieren. Dann können Sie das bisschen IT Infrastruktur, Social Media und Support doch auch noch mitmachen.“ (Klar, nachts, am Wochenende und wenn andere Menschen schlafen. Nicht.)
> „Da müssen wir jetzt erst mal eine schnelle Lösung finden.“ (…also kein langfristiges, dafür aber nachhaltiges Projekt draus machen.)
> „Dafür haben wir kein Budget.“ (Totschlagargument für alles.)

Wer das übliche Gezicke und Klein-Klein im Büroalltag überlebt, gibt spätestens auf, wenn er diese drei Sätze (die Liste darf gedanklich ergänzt werden) regelmäßig zu hören bekommt. Auch sehr kreativ ist, was ich letztens am Telefon zu hören bekam: „Wir haben niemanden für das Thema Digitalisierung. Bei uns sind ja alle Mitarbeiter mit der Zukunft des Unternehmens befasst.“ – bedeutet übersetzt: also kümmert sich im Endeffekt niemand 100% drum.

4. Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare

Das mag an meiner Betrachtungsweise der Thematik liegen, oder daran, dass ich häufig in Ländern unterwegs bin, die uns meilenweit voraus sind. Jedenfalls fühle ich mich manchmal so, als würden wir in Deutschland immer mehr zusätzliche sinnlose Formulare einführen.

Auch eigentlich digitale Prozesse werden oft so lieblos umgesetzt, dass am Ende doch wieder nur ein Dokument herauskommt, das ausgedruckt, gescannt, gefaxt oder postalisch versandt werden muss. Warum?

5. Unsicherheit im Umgang mit Mitarbeitern

Einer meiner Lieblings-Momente bei Team-Workshops ist immer der, in dem die Teilnehmer ihre Weiterbildungs-Wünsche äußern dürfen und über Fähigkeiten sprechen, die sie in ihrer Freizeit aber nicht am Arbeitsplatz gebrauchen (können). Da kommt dann auf einmal heraus, wie viel Zukunft aus dem bestehenden Kern-Team des Unternehmens heraus bereits heute möglich wäre, würde man Mitarbeitern nur individuell zuhören und sie fördern.

Aber wie war das jetzt noch gleich? Ist individuell schon okay? Darf jeder einfach das lernen, was er möchte? Sollte man Mitarbeiter ermutigen, sich weiter zu entwickeln und vielleicht sogar selbst zu verwirklichen? Sind das dann nicht Rebellen und Rebellen schwierig für’s laufende Geschäft?

Kommt auf’s Unternehmen und den jeweiligen Mitarbeitern an! Bleibt also ein spannendes Thema für die nächsten Jahr(zehnt)e.

6. Angst vor radikalen langfristigen Entscheidungen

Das werden jetzt viele Leser nicht gerne lesen und es lässt sich auch nicht in endlosen Meetings wegdiskutieren: wer sein Unternehmen in die Zukunft führen und an einer nachhaltigen Daten-basierten transparenten Strategie ausrichten möchte, muss zu Anfang (und dann auch weiterhin) ein paar äußerst unangenehme radikale Entscheidungen treffen. Computer stehen nämlich mehr auf eine saubere Datenbasis als auf 10.00 Uhr Meetings mit Schnittchen.

Blöd ist nur, dass sie meistens nicht gefragt werden, sondern hier (noch) der Mensch entscheiden muss. Irgendwer wird also vorangehen und sich trauen müssen, Prozesse zu ändern, neue Arbeitsweisen einzuführen und der Technik im Allgemeinen einen größeren Stellenwert im Unternehmen einzuräumen. Was wir aktuell in vielen Unternehmen sehen ist eher die Diskriminierung des Kollegen Computer und damit auch jedes menschlichen Gegenübers, das gerne ordentlich mit eben jenem arbeiten möchte.

Am Ende geht es nämlich darum, dass alle Mitarbeiter eine gemeinsame Arbeitsbasis finden. Die aus Fleisch und Blut und die, deren Herzstück aus einer Platine besteht.