Warum mich die Digitalisierung nicht stresst

Nach meinen Vorträgen, die ja alle etwas mit der Digitalen Transformation von Unternehmen und unserer Arbeitswelt zu tun haben, werde ich häufig angesprochen, ob mich die Digitalisierung nicht unglaublich stresst. Schließlich bin ich ungefähr 3/4 meiner Zeit als Digitale Nomadin unterwegs. Ich reise um die Welt und arbeite gleichzeitig ganz normal weiter.

Immer wieder bekomme ich mit, dass vor allem Schreibtisch-Arbeiter die Digitalisierung mit permanenter Reizüberflutung, zu vielen E-Mails und wenigen Möglichkeiten einmal komplett abzuschalten gleichsetzen. Auch erzählen mir Eltern, dass sie sorgenvoll beobachten, wie viel Zeit ihre Kinder vor den Bildschirmen verbringen. So ging es meinen Eltern übrigens auch schon. Für mich bedeutet Digitalisierung heute vor allem eine massive Entspannung meiner Arbeits-Situation und eine enorme Erleichterung auf Reisen.

Was mache ich grundlegend anders?

Zum einen hat das natürlich damit zu tun, dass mein Unternehmen seit der Gründung über eine digitale DNA verfügt. Ich habe die IT Infrastruktur so aufgesetzt, dass alle Prozesse von (fast) überall auf der Welt aus funktionieren, wo es eine sichere Internetverbindung und eine Steckdose gibt. Völlig unabhängig von der jeweiligen Räumlichkeit oder Tageszeit. Das war natürlich auch möglich, weil ich weder Altlasten im Datenbereich noch im Hardware-Bereich hatte.

Zum anderen bewerte ich die Arbeit meiner Mitarbeiter nach der Erfüllung ihrer Aufgaben und nicht nach der Zeit, die sie dafür aufbringen. Das sind zwei sehr entscheidende Punkte, die mir das Leben sehr vereinfachen. Stundenzettel und Micro-Management gibt es bei uns nicht, dafür ehrliche Feedback-Gespräche in beide Richtungen und eine transparente Kommunikation. Außerdem bekommt niemand Aufgaben, nur um beschäftigt zu sein.

Welches Mindset steckt dahinter?

Ich persönlich sehe in der Digitalisierung etwas Gutes. Seit meiner Jugendzeit finde ich Zukunftstechnologien, Datenströme und Roboter extrem interessant. Aktuell beschäftige ich mich vor allem mit IT Sicherheits-Trends, Machine Learning, Virtual Reality und verschiedenen Arten der Mensch-Maschinen-Interaktion. Ich freue mich auf die Zeit, wenn wir den Übergang geschafft haben und die großartigen Möglichkeiten solcher Technologien dann auch tatsächlich umfangreich im Alltag nutzen können. Mir macht die Digitalisierung keine Angst.

Viele Menschen halten diese Einstellung für naiv und versuchen lieber verzweifelt Fortschritt und neue Arbeitsweisen zu verhindern. Mir ist hingegen bewusst, dass ich Digitale Tools & Technologien nicht einfach nur nutzen kann, sondern sie vor allem im geschäftlichen Umfeld zunächst nach Risiko- und Kosten-Nutzen-Kriterien bewerten muss und beim Einsatz eines Tools oder einer Technologie auch für die Einrichtung, Absicherung und Wartung Sorge tragen muss. Dazu gehören auch Server-Updates und Daten-Migration sowie Support- und Security-Themen, wenn mal etwas nicht funktioniert.

Natürlich fällt es mir aufgrund meiner Erfahrung und Ausbildung leichter, diese Technik-Aufgaben zu übernehmen. In meiner Zusammenarbeit mit Führungskräften habe ich aber gemerkt, dass es gar nicht so sehr darum geht, alles bis ins kleinste Detail selber zu können und zu erledigen, sondern viel mehr darum, das große Ganze und die komplexen Zusammenhänge zu verstehen und Aufgaben dann gezielt zu delegieren.

Bewusst einschalten und abschalten

Meinen Klienten erkläre ich immer, dass die Digitale Transformation uns die einmalige Chance gibt, das Beste aus zwei Welten zu nutzen. Wir können morgens ein Buch lesen und draußen spazieren gehen und uns am Nachmittag an den Rechner setzen, um mit Freunden aus aller Welt zu chatten, danach eine Virtual Reality Brille aufsetzen und um den Globus fliegen. Anschließend haben wir dann die Wahl, ob wir den Abend mit Freunden verbringen und ausgehen, oder es uns auf der Couch gemütlich machen und zum Beispiel ein Video streamen. Auch in lebenswichtigen Bereichen, allem voran in der Medizin, kommen neueste Technologien zum Einsatz. Wir müssen also zwangsläufig einen Weg finden, mit der zunehmenden Technisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt klarzukommen.

Die meisten Menschen haben dabei primär gar kein Problem mit der Digitalisierung an sich, sondern damit, eine gute Balance zu finden, mit der sie sich wohlfühlen.

 

Hier meine 5 Tipps für eine gute Online-Offline-Balance:

 

1. Kommunikation aktiv managen

Bei dem Begriff „Digitalisierung“ denken viele Menschen vor allem an die digitale Kommunikation zwischen Menschen. Je nachdem, wie der entsprechende Ansprechpartner tickt und sich organisiert, kann das mehr oder weniger anstrengend sein. Wir können aber über unser eigenes Kommunikationsverhalten viel dafür tun, dass  die (digitale) Kommunikation insgesamt entspannter wird.

 

A. Bekomme ich eine kurze Anfrage, beantworte ich diese sofort. So muss ich sie gar nicht erst auf meine ToDo-Liste aufnehmen oder ungelesen im Mail-Postfach lassen. Die Aufgabe ist quasi erledigt, bevor sie zur Aufgabe wurde. Nun liegt es ggf. an meinem Gegenüber, mir noch einmal zurück zu schreiben bzw. sich wieder zu melden.

B. Small Talk per E-Mail finde ich persönlich oft anstrengend. Kennt man einen Geschäftspartner besser, kann das irgendwann funktionieren. Grundsätzlich versuche ich aber, keine Nachrichten ohne konkreten Inhalt zu versenden. So verschwende ich nicht die Zeit meines Gegenübers und mülle auch nicht den Posteingang zu.

C. Auch heute nutzen noch immer viele Menschen gerne das Telefon. Wirklich tiefgehende Themen kann man aber in so einem „Ham se mal eben? Könn se mal eben?“ Telefonat nicht besprechen. Daher vergebe ich Termine und nehme mir dann lieber eine Stunde Zeit für meinen Gesprächspartner. So können wir uns beide vorbereiten und inhaltlich wirklich vorankommen.

D. Sämtliche Social Media und Business Netzwerke gehören mittlerweile ebenso zu unserer alltäglichen Kommunikation. Auch hier erhalte ich unter anderem geschäftliche Anfragen. Wer sich und wer sich und den Kollegen einen Gefallen tun will, lernt zu akzeptieren, dass die sozialen Medien zur Kommunikation dazugehören und nicht nur dem privaten Vergnügen dienen. Bei der Nutzung sollte man sich allerdings selber unter Kontrolle haben und sich nicht am Arbeitsplatz zwischen den spannenden Beiträgen der anderen verlieren.

 

2. Business und Privatleben trennbar machen

Auf meiner Business Website findet sich meine Handynummer. Da ich von Montag bis Samstag arbeite, bin ich auch den Großteil der Woche über ganz gut erreichbar. Tatsächlich habe ich aber nicht nur dieses Business Handy, sondern noch ein privates mit einer völlig anderen Nummer, die kaum jemand kennt. Wenn ich zum Sport oder zum Einkaufen gehe, oder irgendwohin, wo ich nicht gestört werden möchte, bleibt das Business Smartphone Zuhause.

 

3. Strahlungsfreie Zonen

Vor allem Zuhause ist es einfach, Online- und Offline-Zonen festzulegen. Wer sich ein Smart Home einrichtet, sollte zum Beispiel darauf achten, nicht unbedingt immer zu Bluetooth oder WLAN-Geräten zu greifen, sondern auch auf das gute alte LAN-Kabel  zurückgreifen.

Mein Schlafbereich und das Badezimmer sind bei mir zum Beispiel Offline-Zonen. Zwar arbeite ich gerne bis frühmorgens im Bett. Aber dann wandern sämtliche technische Geräte in den Flur oder in das Arbeitszimmer. Den Handywecker höre ich trotzdem, belaste mich aber nicht permanent mit der Strahlung. Gleichzeitig habe ich auch nicht den Drang, nachts noch einmal nach aktuellen Nachrichten zu schauen.

Die Geräte freuen sich übrigens auch, wenn sie mal einen Moment Ruhe bekommen und nutzen diese dann, um Sicherheits-Scans zu starten oder Software-Updates runterzuladen.

 

4. ToDo Listen

Ein gutes Tool gegen das allgemeine Gefühl der Überforderung, egal ob digital oder analog verursacht, sind Listen. Ich habe für mich eine ganz klare Priorisierung gefunden: alles, was mit der Betreuung von Klienten zu tun hat, oder neue Aufträge bringt, steht an erster Stelle. Danach kommen langfristige Projekte. Kleinere Aufgaben tauchen hier gar nicht auf, weil sie sofort erledigt werden (siehe 1.A).

Am Sonntagabend eine ToDo Liste für die Woche vorzubereiten, hilft dabei, sich Montagmorgen gleich zu fokussieren und auch anderen mitzuteilen, was man gerade macht und warum man vllt. nicht spontan einspringen kann (siehe 1.C).

 

5. Loslassen & entspannen lernen

Gerade, wenn man aktiv in mehreren Zeitzonen als Personenmarke unterwegs ist, wird man immer wieder von der Neugierde und der Angst um die eigene Reputation getrieben und will dann doch noch einmal mehr aufs Smartphone schauen, ob nicht online irgendwas passiert ist. Außerdem können auch cleverste IT Sicherheits-Lösungen und Warnmeldungen nicht helfen, wenn der Mensch dahinter nicht erreichbar ist. Gleichzeitig benötigt der menschliche Körper aber einige Stunden Schlaf am Tag. Für mich als typischen Digital Native und paranoiden Techie also ein scheinbar unlösbares Dilemma. Einfacher wird es, seit ich akzeptiere, dass ich nicht jederzeit überall sein kann.

Yoga hat mir sehr dabei geholfen, ein entspannterer Mensch zu werden. Eine Yogamatte in Form eines großen Handtuchs habe ich auch auf Reisen dabei und so die Möglichkeit, mir spontan eine Ruhepause zu gönnen. Diese innere Ruhe rufe ich dann zum Beispiel auch in stressigen Momentan oder vor meinen Bühnen-Auftritten ab.

 

Was mir tatsächlich immer noch Stress bereitet sind vor allem Unternehmen, die gefühlt noch in der Steinzeit unterwegs sind. Allen voran Behörden, Banken und Versicherungen sind prädestiniert dafür, meine schön digital organisierten Arbeitsprozesse zu boykottieren.  Das bedeutet für mich oft zusätzliche sinnlose Arbeit und da hört dann auch mein Verständnis auf. Ganz stressfrei bin ich also auch (noch) nicht unterwegs. 😉