b2g digital 2016 – Diese Themen bewegen Wirtschaft & Politik

Ebenso wie andere Lebensbereiche, ist auch das politische Deutschland straff durchorganisiert, mit seinen Hierarchieren und Verbänden und den Netzwerk-Strukturen, die wir Rheinländer gerne „Klüngel“ nennen. Digitalisierung funktioniert jedoch genau anders herum: mit flachen Hierarchien, Transparenz und uneingeschränkt verfügbaren Informationen. Es war also an der Zeit, die alte und neue Welt zusammenzubringen und die Stakeholder der Digitalen Transformation in Deutschland an einen Tisch zu bitten. Am 8. November 2016 haben wir diese Idee in die Tat umgesetzt und im Rahmen von b2g digital Startups, Mittelständler, Vertreter der Forschung, Landespolitiker, Bundespolitiker und Bundestagskandidaten in Berlin und München zusammengebracht.

Businessman is pressing on the virtual screen and selecting
Bild: WrightStudio, Fotolia

Wohl am meisten beschäftigte die Teilnehmer in beiden Städten die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Und das in allen Facetten. Traurige Einigkeit herrscht wohl mittlerweile darüber, dass unser Bildungssystem digitale Fähigkeiten kaum berücksichtigt. Eine Landespolitikerin berichtete uns von dem Besuch einer Schule, wo zwar Laptops und digitale Whiteboards vorhanden waren, die Lehrer aber nicht in der Lage waren, diese zu benutzen. Möglichkeiten der digitalen Ausbildung werden in Deutschland immer noch nur in verschwindend geringem Umfang genutzt.

Neben diesen und anderen Widrigkeiten des Schulalltags, tappen vor allem weniger qualifizierte Schüler anschließend in die Bewerbungsfalle. Während gute Schüler und hochqualifizierte Absolventen zunehmend direkt von Firmen über Business Netzwerke angesprochen werden, wird bewerben für alle, die nicht zu dieser Gruppe gehören, ein großes Hemmnis auf dem Weg zu einer guten Ausbildung, einem entsprechend bezahlten Arbeitsverhältnis und somit einem ausreichenden Auskommen. Hier berichteten uns Unternehmer von dem Trend, Video-Bewerbungen anzunehmen, um so auch Bewerbern eine Chance zu geben, die bei Einsendung ihres Lebenslaufs sonst in der Ablage P gelandet wären.

Bilder Berlin – by Zino Peterek

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Ist dann absehbar, dass jemand demnächst in Lohn und Brot kommt, stellt sich immer öfter die Frage nach Arbeitszeit, Arbeitsort und der Art der Anstellung. Für das klassische System ist der Freelancer oder gar der Digitale Nomade ein Fremdling. Gleichzeitig ist Crowdworking aber ein Trend, der sich nicht mehr abwenden lässt. Auch, weil sich gerade viele digitale Fähigkeiten nur on the job entwickeln und vertiefen lassen. Job-Hopping gehört allerdings auch zu den Themen, die vor allem der Politik besonders fremd sind. Nicht nur an dieser Stelle kam häufig der Aufruf, sich mehr zu trauen und mehr Experimente zu wagen bzw. Gründer und Unternehmen einfach mal machen zu lassen. Dies ging hin bis zur Forderung von Leuchtturmprojekten, denen erlaubt wird neue Wege einfach mal auszutesten – auch gegen bestehende Vorschriften.

Sowieso – unsere guten deutschen Gesetze und Vorschriften. Sie sollen für Rechtssicherheit und Ordnung sorgen. Doch hörten wir gerade von den etablierten Mittelständlern, dass sich grundlegende Voraussetzungen noch viel zu oft ändern, während andere Gesetzes-Initiativen einer Digitalen Transformation im Wege stehen. Hier wünschte sich die Unternehmensseite geschlossen schnellere Prozesse und mehr Transparenz. Ein Startup berichtete sogar, dass sie sich freuen würden, eine Art Übersetzer zur Seite gestellt zu bekommen, um erfolgreich durch den Formular- und Antrags-Dschungel zu manövrieren. In diesem Zusammenhang wurde auch klar, dass gerade Gründer mit internationalen Geschäftsmodellen froh wären, wenn das alles auch endlich mal auf Englisch funktionieren würde – oder die Sprache zumindest kein K.O.-Kriterium in Sachen Förderung und Kredit darstellen würde.

Bilder München – by Matthias Rüby

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Doch nicht nur die Sprache, auch andere Förderkriterien, machten unseren Teilnehmern Kopfzerbrechen. Ein Beispiel wurde rege diskutiert, das die Widersprüchlichkeit des Systems besondern schön darstellt: 2006 wäre das erste iPhone von deutschen Fördergeldgebern nicht unterstützt worden, weil nur bereits bekannte Komponenten neu kombiniert wurden. Mit Blick in die USA, wird gerade daher das Thema Crowdfunding immer wichtiger. Hier stehen deutsche Anlegerschutz-Gesetze noch zu sehr im Weg. Dabei ist die Idee genial: Statt festgeschriebene Kriterien zu erfüllen, müssen Crowdfunding-Ideen Kleininvestoren begeistern. Was für Produkte bereits blendend funktioniert (siehe z.B. Kickstarter), wird auch immer mehr für Gründungen, soziale Projekte und sogar Immobilien genutzt.

Während Gründer so zunehmend weniger auf komplizierte Förder-Angebote angewiesen sind, blieb die Frage, wie Forschung zukunftsfreundlicher gestaltet werden kann. Die Politik argumentierte, in den letzten Jahren seien schon viele Verbesserungen für die universitäre Forschung geschaffen worden. Doch Unternehmer und Praktiker waren sich einig: das ist alles noch viel zu wenig und es geht viel zu langsam!

Zum Beispiel im Bereich Open Data. Hier fallen sowohl die Forschung als auch die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle besonders schwer, da über Jahrzehnte lokale und föderale Datensilos aufgebaut wurden. Im Rahmen der Flüchtligskrise hat dies auch der Bundestag erkannt. Die Herausforderung, eine einheitliche Datenbank für Geflüchtete einzuführen, ist nun gemeistert. Für alle anderen Bundesbürger, werden bei einem Umzug derzeit immer noch Datensätze zwischen lokalen Behörden hin- und hergeschickt.

Nun könnte man diesen leichten bis mittelschweren Rückstand in Sachen Datentransparenz und einheitliche Systeme auf die leichte Schulter nehmen. Für Startups in diesem Bereich bedeuten diese Datensilos aber oft den sicheren Tod. Denn solche Probleme können nur angegangen werden, wenn für diese Übergangsphase eine finanzielle Basis vorhanden ist. Zwar äußerten sich alle Vertreter der Gründerszene positiv über die vorhandenen Möglichkeiten der Start-Finanzierung. Allerdings mangele es an Angeboten, wenn es mal nicht so läuft – weil sich etwa das Aufbrechen bzw. Organisieren von Datensilos als komplizierter erweist als beim Businessplan schreiben vermutet. Auch hier wurde der Wunsch nach mehr Flexibilität und Entgegenkommen geäußert- sowohl von politischer Seite, als auch von Mittelständlern, die Startups häufiger als Berater und Lieferanten akzeptieren sollten.

Vor allem von Politik und Verwaltung  wird die Digitale Transformation noch viel zu häufig als umfangreiches Infrastruktur-Projekt statt als umfassender gesellschaftlicher Wandel gesehen. Derzeit befassen sich nicht weniger als 5 Bundes-Ministerien mit den Einzelteilen unserer digitalen Zukunft. Auch die digitalen Kompetenzen in den einzelnen Parlamenten könnten durchaus besser sein. Und last but not least, wurde auch während unserer Diskussionen der Ruf nach einer Kultur des Scheiterns laut.

Unser neues Format betrachten wir Initiatoren, Andreas Keck, Thomas Andersen und ich bereits nach den ersten Events als sehr erfolgreich! Zwar mussten wir einige Bretter bohren bis zur Umsetzung und haben noch am Tag der Veranstaltung selber Absagen erhalten. Doch hat sich am Abend gezeigt, dass es noch jede Menge Bedarf für direkte Gespräche zwischen den Stakeholdern der Digitalen Transformation unserer Gesellschaft gibt. Wir mussten die Teilnehmer regelrecht von den Tischen zerren, um unsere Abschlussrunde zu starten. Für uns bedeutet das: Wir bleiben dran! b2g digital – Digitale Transformation gemeinsam gestalten… auch 2017 wieder!

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