Warum Veranstaltungen wie der Cybathlon für unsere Gesellschaft wichtig sind

Anfang Oktober fand in Zürich zum ersten Mal ein Wettkampf für moderne (digitale) Assistenz-Technologien statt – der Cybathlon. Für alle, die sich darunter wenig vorstellen können: Angetreten sind Piloten in den Disziplinen Brain Computer Interfaces, Fahrradrennen mit Muskelstimulation, Geschicklichkeitsparcours mit Armprothesen, Hindernisparcours mit Beinprothesen, Parcours mit robotischen Exoskeletten und Parcours mit motorisierten Rollstühlen. Die Teams kamen von allen Kontinenten und den Top-Universitäten dieser Welt. Wer technisch interessiert ist, sollte dich die Cybathlon-Website auf jeden Fall genauer anschauen. Die Assistenten der Zukunft lassen uns die Vorteile von Technologien hautnah erleben.

CYBATHLON 2016
Bild: ETH Zürich / Nicola Pitaro

 

Neben dem sportlichen Wettkampf hat die ETH Zürich zum wissenschaftlichen Symposium eingeladen, um den Teams Gelegenheit zu geben, ihre Projekte vorzustellen. Besonders berührt haben mich aber die Begegnungen mit den Athleten von Plusport, dem Behindertensportverband in der Schweiz. In einer aufwendig zusammengestellten Ausstellung haben die Ehrenamtler Hilfsmittel und Prothesen für Menschen mit körperlichen Einschränkungen aus den letzten 300 Jahren zusammen getragen und den Besuchern des Cybathlon so eine Idee dafür vermittelt, wie wichtig die stetige Weiterentwicklung von Prothesen und Assistenz-Systemen für ihren Alltag – und ihr sportliches Leben – ist. Ich hatte zudem das Glück, eine sehr persönliche Führung durch diese Ausstellung zu erhalten, bei der ich sehr viel über die Einzelheiten eines Alltags mit Einschränkungen erfahren durfte. Moderne Technologie kommt hier zum Einsatz, um möglichst ähnlichen Komfort zu erlangen, wie ihn Menschen ohne körperliche Einschränkungen haben.

Was mir vorher nicht bewusst war: Dieser Komfort hat viel mit moderner Medizin und Amputations-Methoden zu tun. Besonders eindrucksvoll schilderte Hugh Herr, Leiter der Biomechatronics Research Group des MIT Media Lab, wie wichtig es ist, dass Ärzte über die Möglichkeiten von modernen Prothesen informiert sind, um bei Amputationen im Sinne des Patienten agieren zu können. Da bei seinen Unterschenkel-Operationen kein besonderer Wert auf den Erhalt von Muskelpaaren gelegt worden sei, könne er das verbleibende Gewebe zwar zur Bewegung seiner Prothesen nutzen, es fühle sich jedoch stets an, als würden seine Füße bzw. seine Prothesen in Skischuhen stecken. Eigentlich hätten viel mehr Ärzte im Publikum sitzen müssen!

Neben dem wissenschaftlichen Symposium, hat vor allem die öffentliche Veranstaltung in der Swiss Arena die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erreicht. Das Schweizer Fernsehen berichtete nicht nur live, sondern widmete dem Thema MenschMaschine eine ganze Reihe. Und das nicht voller Angst und Ehrfurcht, wie etwa vom deutschen Fernsehen gewohnt.

Für viele Forscher und Entwickler war der Cybathlon der erste Wettkampf, bei dem sie ihre Technologien gegeneinander testen konnten – in Alltags-Situationen. Schaut man sich die Platzierungen an, zeigt sich, dass hier nicht nur Schnelligkeit, sondern auch der Komfort und die einfache Bedienbarkeit für den Nutzer wichtig sind. Die Gewinnerhand im Parcours mit Armprothesen war etwa nicht die technisch ausgefeilteste, sondern die vom Design und der Bedienung her einfachste. Solche Erkenntnisse schaffen nicht nur einen Mehrwert für die ambitionierten Forschungsprojekte, sondern auch für verwandte Disziplinen, die solche Technologien für Spezialfälle weiterentwickeln und anschließend der breiten Masse zugänglich machen. Das dauerhafte Laufen mit einem kostspieligen Exoskelett zum Beispiel, wird nur wenigen Menschen nach einem Unfall zugänglich sein. In der Therapie lässt es sich stundenweise jedoch bereits einsetzen, um schneller wieder eine normale Bewegungsfunktion der menschlichen Muskeln herzustellen.

Nun trafen sich beim Cybathlon Menschen verschiedener Professionen, die bereits ein technisches Interesse haben. Die Fragen, die auch hier diskutiert wurden, sind erschreckenderweise dieselben, wie sie stets bei der Vorstellung von Zukunftstechnologien aufkommen: Wie kann Forschung und Entwicklung zum Wohle des Menschen erfolgen, ohne dass sich Research Teams vollkommen den wirtschaftlichen Interessen von Investoren unterwerfen müssen? Wo sind all die Politiker, die von solchen Projekten erfahren sollten, um die Gesundheitssysteme der Zukunft zu planen? Und warum müssen Betroffene mit Krankenkassen und Versicherungen häufig jahrelang um neuste Technologien kämpfen, obwohl diese eine Entlastung für den Körper und ein Mehr an Lebensqualität darstellen?

Unsere Gesellschaft muss noch einige Denkhürden im Bezug auf (digitale) Assistenz-Systeme meistern. Der Cybathlon ist ein toller Anfang und ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Hoffen wir, dass die ETH Zürich ihn fortan regelmäßig durchführen kann und mehr und mehr Zuschauer – und vor allem Entscheider – erreicht!

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