Digitalisierung: Politik & Wirtschaft in der Pflicht

Um die verschiedenen Aspekte der Digitalisierung zu beleuchten, muss ich gar nicht weit zurückgehen. In den letzten zwei Wochen sind mir alle einmal begegnet. Fangen wir an, mit meinem Besuch auf der dmexco in Köln. Tausende Experten für Digitalisierung. Doch nur wenige, die sich auch mit den eher komplizierten Themen hinter der Anwenderoberfläche auseinander setzen. Nicht falsch verstehen: Gute Websites, Responsive Design, crossmediale Marketing-Kampagnen und so weiter sind auch alle Teil der Digitalisierung. Nicht zuletzte deswegen, haben wir ihnen eine ganze Beitragsreihe gewidmet. Nur stellt sich die Herausforderung der digitalen Transformation in Unternehmnen oft ganz anders dar. Der „schöne“ Teil der Digitalisierung kann relativ einfach outgesourced und an eine Agentur übergeben werden. Anstrengend wird es, wenn plötzlich interne Prozesse auf den Prüfstand kommen.

Euphorie vs. Abwehrhaltung

Schaut man sich diese Problematik genauer an, wird klar, dass der sinnvolle Beginn eigentlich nur ein umfangreicher Frühjahrsputz sein kann. Welche Daten werden bereits erhoben? Welche überhaupt genutzt? Wie sind sie verknüpft? Welche Prozesse laufen noch komplett analog und sollten lieber digitalisiert werden? Denkt man hier weiter, kommt man schnell auf einen enormen Bedarf an Wissen, Zeit und Ressourcen.

Auch deshalb spaltet sich die Szene momentan in zwei Lager. Die einen rennen durch die Gegend und schmeißen mit Wörtern wie „Disruption“, „Industrie 4.0“, „Cloud“ und „IoT“ um sich, damit auch ja jeder im Publikum ein schlechtes Gewissen bekommt. Die anderen erzählen, es handle sich ja bei der Digitalisierung und dem ganzen Pipapo nur um einen Hype, den man erst mal abwarten müsse. Leser und Kunden berichten mir immer wieder von Beiträgen dieser Art. Hier bleibt mir nur ein Kopfschütteln – allerdings in beiden Fällen.

Der vernünftige Mittelweg

Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte. Ja, wir haben im gesamten deutschsprachigen Raum, wenn nicht sogar in ganz Europa, die Digitalisierung im weitesten Sinne verschlafen. Wir alle sind mehr oder weniger treue Nutzer amerikanischer Plattformen, während wir selber keinen Global Player in diesem Bereich hervorgebracht haben – obwohl wir das Knowhow dazu hätten.

Nein, ein Unternehmen mit funktionierendem und Gewinn erzielendem Geschäftsmodell sollte nicht losrennen und unter der Überschrift „disruptiv“ alles über den Haufen werfen, was in der Vergangenheit mühsam aufgebaut wurde. Aber ja, wir sind nicht die besten, wenn es um Digitalisierung geht. Von der IT-Infrastruktur bis zur (sinnvollen) Nutzung von Kundendaten stehen zu viele Unternehmen noch ganz am Anfang.

Der vernünftige Mittelweg, kann also nur darin liegen, auch als Führungskraft einmal die eigene Komfortzone zu verlassen, sich aktiv zu informieren und so eine nachhaltige Schritt für Schritt Lösung zu implementieren. Es muss nicht gleich ein teures IT-Projekt werden. Schon ein ausgedehnter technischer Frühjahrsputz ist für viele Unternehmen ein großer Schritt. Und dann gilt es, die Mitarbeiter zu schulen und zu sensibilisieren.

Zwang zur Digitalisierung

Kommen wir zurück zu den Events der letzten zwei Wochen. Gestern durfte ich an einem sehr informativen Frühstück teilnehmen, bei dem es um die neue, 2018 in Kraft tretende, EU-Verordnung zum Datenschutz geht. Alleine um diese im Unternehmen umsetzen zu können, werden auch die letzten Verweigerer gezwungen sein, zunehmend digitale Prozesse einzuführen. Ansonsten lassen sich verschiedene Aufbewahrungs- und Löschfristen gar nicht mehr managen.

Natürlich ist ein solches Datenthema im Gegensatz zur schillernd bunten Marketing-Welt extrem unsexy. Dahinter verbirgt sich aber auch die Chance, eine ganze Entwicklung nicht länger zu verschlafen, sondern endlich schlanke und transparente Strukturen zu implementieren. Das wird am Anfang schmerzhaft sein (Thema: Komfortzone verlassen), langfristig aber viele zeitintensive Vorgänge zum Positiven verändern – wenn alle mitmachen.

Politik in der Verantwortung

Mit „alle“ sind auch Behörden, Verbände und die politischen Vertretungen selber gemeint. Denn wie sollen Politiker die digitale Zukunft unseres Standorts mitgestalten, wenn sie selber noch arbeiten wie in den 70ern? Auch wird sich Politik daran gewöhnen müssen, dass der Bürger und Wähler mehr erwartet, als ein reaktionäres Hinterherhinken. Sehr schön zu sehen, an einer Diskussion zur Netzneutralität von Mittwochabend. Meine Frage nach Regulisierungsgrundlagen für bereits absehbare Zukunftstechnologien wurde bewusst abgewürgt. Dabei wäre es so wichtig, hier voraus zu denken! Von politischer Seite gab es jedoch keine Antwort. Nur viel Lob von anderen technisch interessierten Besuchern.

Diese Art der Zukunftsverweigerung macht mich nicht nur traurig, sondern hat auch einen verheerenden Einfluss auf meine Generation. Während „digital“ in Unternehmen immer noch nicht als Fähigkeit gewertet wird, die es entsprechend Wert zu schätzen und zu entlohnen gilt, fragen mich auch immer wieder viele Altersgenossen, wen sie denn nun wählen sollen – wer die Bedürfnisse unserer Generation vertritt. Natürlich gehen diese Bedürfnisse weit über schnelles Internet und flexible Arbeitsbedingungen hinaus. Die Digitalisierung hat aber einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf soziale und politische Prozesse, die meine Generation beschäftigen. Auch die Politik muss sich also dringend auf den aktuellen Stand bringen – um unsere digitale Zukunft aktiv mitzugestalten!

Wie sehen Sie das? Ich freue mich auf Ihre Kommentare, hier oder per E-Mail!

Auch freue ich mich, Sie am 08.11.16 bei b2g digital in Berlin oder München begrüßen zu dürfen – Digitale Transformation gemeinsam gestalten!

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