Digitalisierung & Big Data – Wie werden Technologien in Zukunft unser Leben bestimmen?

Das wohl schönste Kompliment, das man als Experte am Ende einer Diskussion erhalten kann ist ein „Da haben Sie mich jetzt aber zum Nachdenken gebracht.“ Es ging um eben dieses Thema: Wie wird unsere digitale Zukunft aussehen? So ganz genau werden wir es erleben, wenn es soweit ist. Doch ein paar Entwicklungen – mit ihren positiven und negativen Seiten – kündigen sich bereits an. Diese drei Themenbereiche finde ich persönlich besonders spannend:

Global Investment
Bild: kentoh, Fotolia

 

Datenschutz vs. optimaler Kundenservice

Die meisten von uns geben ihre Daten ohne zu zögern an große Internet-Konzerne. An Facebook zum Beispiel, weil alle das machen und man sich sonst sozial ausgeschlossen fühlt. An Google, weil es halt so praktisch ist, wenn der Standort automatisch ermittelt und der Weg oder die gewünschte Information schnell zu finden ist. Ansonsten wären diese Global Player keine Global Player geworden. Mit der Ankündigung von Facebook, nun eben doch mehr Daten mit der 2014 übernommenen Messenger-App WhatsApp auszutauschen, ist aktuell wieder eine Diskussion um den Datenschutz entbrannt. Richtig wertvoll werden Nutzerdaten für Konzerne eben nur, wenn sie sich verknüpfen und sich so umfangreiche Profile generieren lassen.

Mal ganz naiv gefragt: Aber ist das so schlimm? Würde uns eine Welt, in der wir 100% personalisierte Werbung und Services angeboten bekommen, die exakt auf unsere Bedürfnisse abgestimmt sind, wirklich stören? Nie wieder Spam-Mails, immer passende Sonderangebote per E-Mail, Webshop oder App und dann irgendwann auch eine funktionierende Verknüpfung mit dem Offline-Einkaufen. Allerdings können wir momentan schon immer weniger überblicken, welche Daten wir herausgeben und wofür sie tatsächlich genutzt werden. Marketing gut uns schön, aber mit Blick auf den US-Wahlkampf, ist die Nutzung von Big Data auch im gesellschaftlichen und politischen Kontext angekommen, wie die Financial Times hier beschreibt.

Und das, während die Datenschutz-Richtlinien für Deutschland und die EU den meisten Bürgern und auch Unternehmern noch nicht einmal klar sind. Big Data schmuggelt sich also in einer Grauzone an den Regulierungsbehörden vorbei. Und das, während viele Manager immer noch Angst vor der Cloud haben, weil dort Firmengeheimnisse vermeidlich weniger geschützt sind, als auf dem hauseigenen Server. Das gibt durchaus Anlass zum schmunzeln.

Auch machen sich anscheinend nur wenige Spezialisten Gedanken zu Datenfehlerquellen, meist durch den Menschen vor dem Rechner verursacht oder aus alten Datenbanken mitgeschleppt. Landen solche Fehlinformationen in Systemen, die heute schon in der Lage sind, Muster zu erkennen und mögliches zukünftiges Verhalten vorherzusagen, kann das im besten Fall dazu führen, dass einem die Produkte im personalisierten Newsletter nicht gefallen. Im schlimmsten Fall werden demokratische Prozesse manipuliert und Menschen Gruppen zugeordnet, in die sie nicht hinein gehören. Erst recht, wenn zu Bewegungsprofilen und Konsumdaten auch noch Informationen über Gesundheitszustand, Finanzen und andere intime Details kommen. Irgendwer sollte also den Überblick behalten, auch wenn es schwer fällt. Wer selbstlernende Algorithmen und Analyse-Tools verkauft, sollte auch die Verantwortung übernehmen, entsprechende Testprojekte zu evaluieren und Fehlentwicklungen wieder einzufangen.

 

Menschen vs. Roboter

Momentan sind noch nicht alle Vorteile der Digitalisierung ersichtlich. Im Gegenteil. Manchmal nervt es einfach, wenn die Nutzerfreundlichkeit (Usability) einer Seite oder Anwendung nicht wirklich schön ist und man als Kunde von persönlichem Service statt digitalen Tools träumt – wenn es mal wieder richtig schief läuft. Der Kunde muss zusätzlich zum Produkt auch noch die Kontaktpunkte (Touchpoints) des Kundenservice verstehen, wie ich es in meinem Gastbeitrag für den Servicekompass näher beschreibe. Mitarbeiter müssen dieses alles ebenso verstehen und noch dazu verständlich erklären können. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Wie bei der Dame, die kürzlich vor mir an der Kasse stand und die Kassiererin ins Vertrauen zog, dass sie gar nicht verstehe, wo genau die Punkte auf der Kundenkarte nun gesammelt werden. Nicht jeder Mensch kommt also mit der digitalen (R)Evolution bereits gut klar und selbst die, die sich mit dem Fortschritt wohlfühlen, bevorzugen häufig gerne den Service-Anbieter Mensch, wie André Höftmann, Chef Concierge des Adlon Kempinski Berlin, hier erläutert.

So manche Technologie befindet sich sowieso noch in der Trial and Error-Phase. Denken wir an Spracherkennung oder autonom fahrende Fahrzeuge. Kein Wunder, dass der breiten Masse die Idee, Technik dauerhaft eng am oder gar im Körper zu tragen, unheimlich vorkommt. Noch macht die Option, selber zum Transformer zu werden, Angst. Dabei kann sie uns durchaus helfen, menschliche Schwächen auszugleichen. Ein funktionierendes Exoskelett, wie hier in einem Welt-Artikel beschrieben und wir es in Superhelden-Filmen schon zigfach bewundert haben, kann uns mehr Kraft verleihen und somit bei Aufgaben helfen, die bisher noch übermenschlich erscheinen. Bei der Frage nach der Optimierung unserer von Natur aus unperfekten menschlichen Körper, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es muss ja nicht jeder gleich so weit gehen, wie Cyborg und Aktivist Neil Harbisson, der sich eine Antenne zur Farberkennung hat implantieren lassen.

Wenn man so will, gehört er aber zu den Early Adopters einer Technologie, die wir wahrscheinlich schon in 10 Jahren widerstandslos akzeptieren werden. Schauen wir uns nur einmal die steigenden Zahlen von Schönheits-Operationen an. Wer solche Risiken für das Aussehen eingeht, wird wahrscheinlich auch bei der technischen Selbstoptimierung nicht lange nachdenken. Gleichzeitig werden wir beobachten können, wie Roboter verstärkter Arbeiten übernehmen, die für Menschen aufgrund geringer Bezahlung nicht mehr attraktiv genug sind. Bisher findet diese Entwicklung noch in Fabriken statt, wo sie nicht für jedermann ersichtlich ist. Es wird aber gar nicht mehr lange dauern, bis wir im Straßenbild den ein oder anderen entdecken.

Auch deshalb wird eine Mehrzahl von uns die entsprechenden Fähigkeiten benötigen, um Arbeiten auf einer höheren Ebene auszuführen – Maschinen programmieren und kontrollieren zu können. Der Mensch wird als Spezialist weiter an der Arbeitswelt teilhaben. Übrigens nicht nur im Umgang mit Technologien, sondern auch in Berufen, die nicht von Maschinen ersetzt werden können. Und ich bin mir sicher: auch im Premium-Bereich, wo es Kunden mit Geld weiterhin bevorzugen werden, einen persönlichen Kontakt zu haben. Spannend wird hier vor allem die Entwicklung in Medizin und Pflege. Für den Einzelnen bedeutet das, sich sinnvoll zu positionieren und stetig an den eigenen Qualifikationen zu arbeiten.

Und dann bleibt da noch die Kombination aus Robotik, der Nachahmung menschlicher Fähigkeiten und Datenströmen. Das Thema Artificial Intelligence fasziniert mich ungemein. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob unsere Gesellschaft bereit dafür ist. Es wird einmal eine Generation geben, die auch damit ganz selbstverständlich aufwächst. Schaut man sich an, wie bereits aktuell Technologien zu Konflikten zwischen unterschiedlichen Generationen führen, müssen wir uns als Gesellschaft aber die Frage stellen, wie wir alle an dieser Entwicklung teilhaben können. Und eigentlich auch, wie wir jedem einzelnen die Möglichkeit offen halten, auch einmal „Nein“ zu sagen. Dazu müssten wir im besten Fall Parallel-Strukturen aufbauen. Ich fürchte, es wird sich am Ende über das persönliche Budget entscheiden. So spannend ich Technologien finde, die Vorstellung, im Alter ausschließlich von Robotern gepflegt zu werden, finde ich nicht schön.

 

Neue Fähigkeiten und Geschäftsmodelle vs. Arbeitslosigkeit

Aus- und Weiterbildung ist in Deutschland ein sensibles Thema. Unternehmen beschweren sich, Schüler und selbst Uni-Absolventen würden nicht die richtigen Qualifikationen mitbringen, um direkt durchstarten zu können. Akademiker machen unbezahlte Praktika, um mit dem Abschluss wenigstens auch ein bisschen Berufserfahrung vorweisen zu können. Doch verfügen sie damit auch über die erforderlichen Fähigkeiten für die digitale Transformation. Oder hatten sie diese nicht bereits vorher?

Das World Economic Forum hat sich damit beschäftigt, welche Fähigkeiten Menschen für ihre Arbeit im Zeitalter der vierten industriellen Revolution benötigen. Überraschung: Es sind meist keine, für die man einen Abschluss oder ein Zertifikat benötigen würde. Ausbildungs-Institutionen und Unternehmen müssen also umdenken. Mit alten Lehr- und Recruiting-Methoden, bei denen es mehr auf den Lebenslauf als auf die wirklichen Qualifikationen des Bewerbers ankommt, werden zum Risiko.

Dazu kommt, dass gerade Mittelständler nur bedingt disruptiv sein können. Wer will und kann schon ein funktionierendes Geschäftsmodell komplett umschmeißen, wenn es noch nicht einmal Sinn macht? Beim Thema Digitale Transformation wird trotzdem meist auf die disruptiven Global Player aus den USA geschielt. Hier ein TechCrunch-Artikel darüber. Wir werden allerdings nur selten erleben, dass ein deutscher Mittelständler ohne nennenswerte digitale Kultur und Erfahrung zum Plattform-Anbieter wird oder das Unternehmen zur Full Stack Company ausbaut, die wirklich alle Bereiche Inhouse vereint. Die Realität liegt, auch aufgrund eher zurückhaltender Finanzierungsmöglichkeiten für innovative Projekte in Deutschland, irgendwo in der Mitte. Der Mittelstand muss also clever digitalisieren. Und wir dürfen dabei nicht vergessen, dass ja auch irgendwer in dieser Welt, in der der größte Taxi-Anbieter keine Autos mehr besitzt und der größte Anbieter von Ferienwohnungen keine Ferienwohnungen besitzt, noch reale Produkte produzieren muss.

 

Ganz egal, wie unsere digitale Zukunft im Detail aussehen wird. Wir müssen endlich damit anfangen, auch diese Themen im Detail gesellschaftlich zu diskutieren. Nur so erhalten wir die Möglichkeit, unsere Zukunft bereits jetzt aktiv mitzugestalten. Nicht nur für Geschäftsleute, auch für den einzelnen Bürger sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung ist es wichtig, Technologien zumindest ansatzweise zu verstehen, um sich mündig dafür oder dagegen zu entscheiden. Politik und Verwaltung müssen sinnvolle Grundlagen schaffen und den Spagat zwischen „Kopf in den Sand stecken“ und Überregulierung meistern, um die digitale Transformation unserer Unternehmen und damit auch unserer Gesellschaft nicht zu behindern.

Aus dieser Überlegung heraus ist die Initiative b2g digital entstanden. Wir wollen Vertreter aus Politik und Verwaltung auf der einen Seite sowie Startups und etablierte Mittelständler auf der anderen Seite zusammenbringen und so die Vernetzung und den Austausch zu konkreten digitalen Problemstellungen fördern. Nur zusammen haben die Stakeholder der Digitalisierung eine Chance, diese Herausforderung erfolgreich zu meistern!

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