Sebastian Schmidt: Denke immer nur an den nächsten Schritt

Mit der Diskussion um Digitalisierung und Big Data geht immer die Frage um die Neugestaltung unserer Arbeitswelt einher. Digitale Prozesse ändern auch die Art zu führen. Mitarbeiter, gerade der jungen Generationen, wollen möglichst frei und kreativ arbeiten. Führungskräfte müssen also loslassen können. Sebastian Schmidt hat als Manager in der Industrie für sich persönlich eine Entwicklung erfahren, die anderen Führungskräften noch bevorsteht. Dabei hat er durchaus negative Erfahrungen mit digitalen Controlling-Instrumenten des letzten Jahrzehnts gemacht. Heute hilft er Führungskräften dabei, zu Sinn stiftenden und inspirierenden Dienstleistern am Menschen zu werden.

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Bild: Romolo Tavani, Fotolia

„Nach 21 Jahren Führungsarbeit in der Industrie war ich erstmals an einem Punkt angekommen, an dem mich große Zweifel quälten, ob das von mir gelebte Führungsverständnis noch erfolgreich sein kann.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich war zu diesem Zeitpunkt nicht etwa ein großes Arschloch, das seine Mitarbeiter quälte und mit Befehl und Gehorsam regierte. Ich war eine kooperative Führungskraft. Aber es gehörte auch zu meinem Selbstverständnis, der Chef zu sein und bei wichtigen Entscheidungen das letzte Wort zu haben. Ich ließ daran keinen Zweifel und unterstrich meinen Status. Dabei war ich nicht arrogant sondern eher naiv und „eingeschränkt selbstreflektiert“ unterwegs.
Es kam das Jahr 2011. Ich hatte im Jahr zuvor die komplette Produktion einer Fabrik umgestaltet. Organisation und Layout waren verändert. Alle Mitarbeiter hatten einen neuen Arbeitsplatz. Und alle Mitarbeiter dümpelten noch im „Tal der Tränen“ der Veränderungskurve herum, während ich mich bereits mit strahlendem Lächeln neuen Projekten zuwandte. Ich verstand nicht, dass irgend jemand das grandiose Ergebnis in Zweifel ziehen konnte.

Die Fabrik wurde von einem großen amerikanischen Konzern übernommen. Ich blieb in meiner Verantwortung als Produktionsleiter. Mit dem neuen Eigentümer verstärkte sich eine Entwicklung, die schon vorher eingesetzt hatte: Die komplexe, sich im digitalen Zeitalter in rasendem Tempo verändernde Welt, musste in Form von Excel-Tabellen dargestellt werden. Was nicht messbar war, wurde wertlos. Vorhersagen und Budgets wurden in Excel fantasiert, damit hinterher in endlosen Telefoncalls und Meetings die Abweichungen erklärt werden konnten. Eine unglaubliche Menge von Stunden wurde verpulvert, dieses sinnfreie System aus Angst und Druck am Laufen zu halten. Die Steigerung fand jedes Quartalsende statt: es wurden Entscheidungen gefällt, die nicht nur wirtschaftlichen Schaden verursachten, sondern auch konkret die Gesundheit von Mitarbeitern gefährdeten.

Anfangs sah ich im System des neuen Konzerns mehr Chancen als Risiken. Ich blendete die negativen Begleiterscheinungen aus. Ich erhielt mehr Verantwortung und baute darauf, dass jeder im oberen Management irgendwann erkennen musste, welcher Schwachsinn teilweise verzapft wurde. Ich war mir ganz sicher, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis einige der vollkommen überflüssigen Workinstructions, elektronischen Worksflows oder gefährlichen Quartalsentscheidungen abgeschafft werden würden.

Es geschah etwas Unerwartetes: es kamen weitere Workinstructions, noch kompliziertere Workflows und noch gefährlichere Quartalsentscheidungen. Vorgesetzte, die dem Druck und den Erwartungen nicht standhielten, wurden ausgewechselt. Andere Vorgesetzte änderten sich. Sie passten sich an. Sie begannen, Ihr inneres Ich von der äußeren Fassade zu trennen. Sie präsentierten eine maskenhafte Oberfläche, die von sich gab, was erwartet wurde. Die Maske legten sie nur noch manchmal unter vier Augen ab.

Für mich selbst wurde die Zeit zu einer sehr lehrreichen Erfahrung. Meine bis zum Fabrikumbau unterentwickelte Selbstreflexion verstärkte sich. 2012 kam dann echte Bewegung in meine persönliche Entwicklung: ich nahm regulären und unbezahlten Urlaub, und wanderte in 57 Tagen knapp 1.500 km von Berlin nach Venedig.
Mein Smartphone blieb zu Hause. Nur mein engstes Umfeld konnte mich telefonisch erreichen. Ich schlief in kleinen Pensionen, Privatunterkünften und Hütten. Nichts war geplant. Jeden Tag begann die Suche des Weges von neuem. Jeden Tag lernte ich neue Menschen kennen, suchte einen weiteren Schlafplatz. Meine innere Stimme meldete sich nun hörbar zu Wort. Meine Wahrnehmung verstärkte sich: ich hörte besser, roch die Natur, schmeckte Gewürze und fühlte Gefühle. Einmal stand ich auf einem Waldweg und weinte. Einfach so. Unglaublich, was diese Wanderung mit mir gemacht hat. Unglaublich, was alles verschüttet war und nun wieder zu mir zurückkam.

Nach der Wanderung ging ich in meinen Job zurück. Es wurde nie wieder wie es war. Ich mühte mich, den Sinn meines Handelns zu verstehen. Neue Kuriositäten wurden etabliert: ich war verantwortlich für 300 Mitarbeiter und eine Fabrikationsleistung von 60 Mio Euro, durfte aber nicht mehr entscheiden, ob eine Mitarbeiterin einen Blumenstrauß auf Firmenkosten erhielt.

Ich begann neben meinem Job eine Ausbildung zum Coach. Praxisnah, tiefgreifend, gefühlsecht. Ich sah mich zum ersten Mal komplett – mit allen Ressourcen und allen blinden Flecken. Schmerz und Freude wechselten an den Wochenenden in den Schulungen. Die Auseinandersetzung mit mir selbst und mit den anderen Teilnehmern aus vielen unterschiedlichen Lebensbereichen, wurde zu einer Offenbarung. Unter den vielen Einsichten, die ich aus dieser Ausbildung schöpfte, waren zwei weitere Meilensteine:

Ich verstand, dass sich alle Handlungen von Menschen auf zwei grundsätzliche Motivationen stützen: Sie handeln entweder aus Liebe oder aus Angst. Alle anderen Motivationen sind lediglich Abwandlungen davon. Mit Erschrecken stellte ich fest, wie ich jahrelang mehr aus Angst, statt aus Liebe gehandelt hatte.

Der zweite Meilenstein ergab sich während einer Gruppenmeditation. Bis zu diesem Zeitpunkt waren meine persönlichen Meditationsversuche gescheitert. Sie endeten im Schlaf. Ziel verfehlt. An diesem Tag war es anders. Unsere Professorin führte uns gedanklich auf einen Marktplatz. Dort war eine Bühne aufgebaut und wir sollten uns vorstellen, dass auf dem Platz ein Fest zu unseren Ehren veranstaltet wurde. Vor der Bühne sollten sich die Menschen versammeln, die uns nahe stehen. Familie, Freunde, Kollegen. Dann forderte uns die Professorin auf, die Menschen, die wir mit negativen Erinnerungen verbinden; Menschen, die uns Steine in den Weg gelegt hatten, vom Platz zu schicken. In dem Moment geschah in meiner Vorstellung etwas Unerwartetes: Diese Menschen blieben und lächelten mich an. Und es kamen weitere Menschen auf den Platz. Auch diese Menschen lächelten mich an. Mir ging es sehr gut damit. Ich war dankbar und froh, alle diese Menschen auf dem Platz vor der Bühne zu sehen. Als die Meditation vorbei war, war ich geflutet von guten Gefühlen. Freudentränen kullerten mir übers Gesicht. Erst stückweise – über einen Zeitraum von mehreren Monaten – wurde mir bewusst, dass ich meine Ängste verabschiedet hatte. Ich hatte erkannt, dass alles, was mir bis zu diesem Zeitpunkt widerfahren war, mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich bin. Alle Erfahrungen – die positiven und die negativen – führten mich in diesen Raum, gemeinsam mit den anderen wundervollen Menschen. Das fühlte sich großartig an. Es war eine Befreiung. Meine Befreiung.

Ich begann, meine Führungskräfte zu schulen. Ich wollte Ihnen die Möglichkeit geben, ihre innere Haltung zu erkennen und zu reflektieren. So wie ich es selbst gemacht hatte. Parallel leistete ich offenen Widerstand gegen blödsinnige Geschäftsentscheidungen. Ich hörte auf, sinnfreie Excel-Tabellen zu füttern, blieb überflüssigen Meetings fern und stellte das Lesen von sämtlichen Mails ein, in denen ich „in Kopie“ angeschrieben wurde.

Es kam der Tag meiner inneren Kündigung. Drei Wochen vor Quartalsende sollte ich eine Entscheidung umsetzen, die massiv auf die Knochen meiner Mitarbeiter gegangen wäre. Davon abgesehen hätte sie der Firma geschadet. Ich weigerte mich. Ich wusste nun, dass ich nicht so weitermachen konnte. Ich wusste aber auch, was ich wollte: nach fast 25 Jahren Führungsarbeit war ich von dem Wunsch beseelt, anderen Menschen eine sinnlose Arbeit zu ersparen. Ich wollte verhindern, dass Führungskräfte zu Robotern mutieren und Firmen sich in Zielerfüllungsmaschinen verwandeln. Ich unterschrieb einen Aufhebungsvertrag und gründete meine eigene Firma.

Geködert von der interessanten Aufgabe, zwei Fertigungsstandorte an einem neuen Standort zusammenzuführen, kehrte ich ein paar Monate später nochmal zurück in die Industrie. Diesmal in einen japanischen Großkonzern. Ich geriet in eine von Angst geprägte Organisation. Führungskräfte am Rande des Burn Outs, Mitarbeiter ohne jede Eigeninitiative – abgeschaltet durch Anweisungen, Sanktionen und ideenlose Chefs. Unglaublich. Und das Schlimmste an allem: die meisten dachten, dass es nicht anders geht. Auf innere Kündigung folgt innere Resignation.
Ich begann mit Ermunterung, Ermutigung, Regelkommunikation, Führungstraining. Es kam vieles in Bewegung. Gesichter hellten sich auf. Initiativen begannen. Der Geschäftsführer erkannte schnell, dass da jemand sein System demontiert. Er feuerte mich. Nein, er hatte nicht den Mut, das zu tun. Er ging auf eine Dienstreise und ließ mich feuern. Wir hatten in 5 Monaten ungefähr 30 Minuten direkten Kontakt. Aus seiner Sicht genügend Zeit, einen Menschen kennenzulernen.

Und was bleibt am Ende?
Ich bin gewachsen. Meine Erfahrungen und meine Selbstreflexion haben mich an einen Punkt geführt, an dem ich Klarheit für den weiteren Lebensweg gewonnen habe. Ich habe ein persönliches Leitbild, in dem glückliche Menschen im Mittelpunkt stehen. Menschen, denen ich helfen kann, ihren Weg zu finden oder eine verschlossene Tür zu öffnen. Dieses Leitbild hilft mir, den nächsten logischen Schritt zu finden auf meinem eigenen Weg.

Und mein neuer Job? Meine Firma? Wie geht es weiter?
Beppo Straßenfeger (aus „Momo“ von Michel Ende) sagt: „Du darfst nie an die ganze Straße auf einmal denken. Denke immer nur an den nächsten Schritt, den nächsten Besenstrich, den nächsten Atemzug. Dann machst Du es gut.“

Ich werde es gut machen. Das weiß ich.“

Herr Schmidt, vielen Dank für diesen sehr persönlichen Gastbeitrag! [>>> Hier geht’s zur Website des Experten!]

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